Die Folge über die Verdauung endete im Dickdarm, und dort beginnt diese: bei der dichtesten Gemeinschaft deines Körpers. Billionen Bakterien leben dort, verwerten Reste deines Essens und stehen im Austausch mit Darmwand, Immunsystem und Nervensystem. Dieser Artikel begleitet die Folge über das Mikrobiom und ordnet ein, was belegt ist und wo die Forschung noch sucht.

Das Wichtigste zuerst

  • Im Körper leben nach einer Schätzung rund 38 Billionen Bakterien, etwa so viele, wie er eigene Zellen hat, die meisten im Dickdarm. Zusammen wiegen sie rund 200 Gramm.
  • Aus Ballaststoffen, die du selbst nicht verdauen kannst, bilden sie kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, eine wichtige Energiequelle für die Zellen der Darmwand. Fehlten Ballaststoffe, bauten Bakterien im Tierversuch die schützende Schleimschicht ab.
  • Nur rund 3 Prozent der Immunzellen sitzen im Darm, aber rund 70 Prozent der Plasmazellen, die Antikörper bilden. Die oft zitierte Zahl, 70 Prozent aller Immunzellen säßen im Darm, stimmt so nicht.
  • Die meisten Fasern des Vagusnervs melden vom Darm zum Gehirn. Das Serotonin aus dem Darm erreicht das Gehirn aber nicht. Ob die Darmflora die Stimmung beeinflusst, ist beim Menschen noch offen.

Wer in der WG wohnt

Die Folge nennt das Mikrobiom eine Stadt, und die Zahlen passen dazu. Nach einer Schätzung von 2016 leben im Körper eines 70 Kilogramm schweren Referenzmenschen rund 38 Billionen Bakterien, die allermeisten im Dickdarm. Das sind etwa so viele, wie der Körper eigene Zellen hat; die alte Faustregel von zehn Bakterien pro Körperzelle ist damit überholt. Zusammen wiegen die Bakterien rund 200 Gramm.

Die Folge teilt die Bewohner in drei Typen: Nützliche, Neutrale und Problematische. Das ist eine hilfreiche Vereinfachung. Für die Forschung ist es schwieriger: Der Begriff Dysbiose für eine gestörte Darmflora ist unter Fachleuten umstritten, und viele Studien, die Dysbiose mit Krankheiten in Verbindung bringen, sind zu klein für belastbare Schlüsse. Die Folge sagt es selbst: Wo normal aufhört, kann niemand mit einer Zahl festlegen.

Die WG in Zahlen

≈ 38 Bio.Bakterien im Körper

etwa so viele wie eigene Körperzellen, die meisten im Dickdarm

≈ 200 gwiegen sie zusammen

Schätzung für einen 70 Kilogramm schweren Referenzmenschen

≈ 3 %der Immunzellen im Darm

aber rund 70 Prozent der Antikörper bildenden Plasmazellen

80–90 %der Vagusfasern

leiten Signale vom Darm zum Gehirn

Was die Mitbewohner essen

Ballaststoffe entgehen der Verdauung im Dünndarm und kommen im Dickdarm an. Dort vergären Bakterien sie zu kurzkettigen Fettsäuren, vor allem Acetat, Propionat und Butyrat. Butyrat ist eine wichtige Energiequelle für die Zellen der Darmwand, stärkt die Darmbarriere und wirkt an der Regulation von Entzündungen mit. Die Folge nennt das einen Mitbewohner, der deinen Biomüll isst und dafür Miete zahlt.

Was passiert, wenn die Ballaststoffe ausbleiben, hat eine Arbeitsgruppe der University of Michigan 2016 untersucht, allerdings an Mäusen, die mit einer künstlich zusammengestellten menschlichen Darmflora besiedelt waren. Bekamen die Tiere dauerhaft oder zeitweise keine Ballaststoffe, wichen die Bakterien auf die Schleimstoffe aus, die der Darm selbst bildet, und trugen die schützende Schleimschicht ab. Ein Krankheitserreger gelangte danach leichter an die Darmwand und löste eine teils tödliche Darmentzündung aus.

VertiefenVerdauung: die ganze Strecke vom Mund bis zum Darm

Die Wand zum Blut

Zwischen der Stadt im Darm und dem Blut liegt die Darmschleimhaut, bedeckt von Schleim. Im Dickdarm gibt es zwei Schleimschichten: eine lockere äußere, in der Bakterien leben, und eine feste innere, die für Bakterien undurchlässig ist und sich etwa stündlich erneuert.

Stoffe können zwischen den Zellen der Darmwand hindurch oder durch sie hindurch gelangen. Bestimmte Belastungen erhöhen diese Durchlässigkeit, etwa Ausdauersport, entzündungshemmende Schmerzmittel, eine Schwangerschaft oder manche Emulgatoren im Essen. Entzündliche Darmerkrankungen gehen mit einer erhöhten Durchlässigkeit einher.

Dafür kursiert der Begriff Leaky Gut. Die Folge betont zu Recht, dass es sich um eine Beobachtung bei verschiedenen Erkrankungen handelt, nicht um eine eigene Krankheit. Eine Übersichtsarbeit hält fest, dass sich keine dieser Erkrankungen allein durch das Abdichten der Darmwand heilen lässt. Dass eine Behandlung der Durchlässigkeit Beschwerden bessert, ist bisher unbewiesen.

Die 70-Prozent-Zahl

Oft heißt es, 70 Prozent der Immunzellen säßen im Darm. Eine Zählung des Weizmann-Instituts von 2023 kommt zu einem anderen Ergebnis: Das Immunsystem eines 73 Kilogramm schweren Referenzmannes besteht aus rund 1,8 Billionen Zellen, die zusammen etwa 1,2 Kilogramm wiegen. Im Magen-Darm-Trakt sitzen davon nur etwa 3 Prozent, ähnlich viele wie in Haut oder Lunge. Die meisten Lymphozyten befinden sich in Lymphknoten und Milz.

Ganz aus der Luft gegriffen ist die alte Zahl trotzdem nicht: Rund 70 Prozent der Plasmazellen, also der Zellen, die Antikörper herstellen, befinden sich im Magen-Darm-Trakt. An der Grenze zur Stadt steht damit ein großer Teil der Antikörper-Produktion. Die Folge stellt das genauso richtig.

Der Einzug: leer geboren

Ob Ungeborene bereits eigene Mikroben tragen, wurde lange diskutiert. Eine Übersicht in der Fachzeitschrift Nature kam 2023 zu dem Schluss, dass die in Studien gefundenen Mikrobensignale sehr wahrscheinlich Verunreinigungen bei der Probennahme oder im Labor sind. Die Besiedlung beginnt demnach erst mit der Geburt. Geburtsweg, Ernährung und Stillen beeinflussen, welche Mikroben zuerst ankommen.

Muttermilch liefert gleich das erste Futter mit. Sie enthält Mehrfachzucker, die humanen Milcholigosaccharide, nach Milchzucker und Fett ihr drittgrößter fester Bestandteil. Das Baby kann sie offenbar nicht verdauen. Sie dienen erwünschten Bakterien wie den Bifidobakterien als Nahrung.

Wer zuerst einzieht, hat den Platz, sagt die Folge. In der Ökologie heißt das Prioritätseffekt: Reihenfolge und Zeitpunkt der Ankunft bestimmen, wie sich Arten gegenseitig beeinflussen. Wie wichtig das für die Darmflora des Menschen und seine Gesundheit ist, ist allerdings noch weitgehend unbekannt. Beweglich bleibt die Gemeinschaft auch später: Ändert sich die Ernährung, reagiert die Darmflora innerhalb kurzer Zeit.

Darm und Gehirn: die Standleitung

Die wichtigste Nervenverbindung zwischen Bauch und Kopf ist der Vagusnerv. Nur 10 bis 20 Prozent seiner Fasern leiten Befehle vom Gehirn zum Darm, 80 bis 90 Prozent melden umgekehrt vom Darm nach oben. Der Darm redet also mehr, als er zuhört.

Mit dem bekanntesten Satz zum Thema räumt die Folge richtig auf. Mehr als 90 Prozent des Serotonins im Körper werden im Darm gebildet, und zwar von Zellen der Darmwand. Bakterien regen diese Bildung an; bei Mäusen beeinflusste das die Darmbewegung und die Funktion der Blutplättchen. Ins Gehirn gelangt dieses Serotonin nicht, weil es die Blut-Hirn-Schranke nicht überwinden kann. Das Gehirn bildet sein eigenes.

Ob die Darmflora die Stimmung beeinflusst, wurde bisher vor allem an Tieren untersucht; beim Menschen hinkt die Forschung hinterher. Eine belgische Studie mit 1.054 Menschen fand 2019 bei Menschen mit Depression weniger Bakterien der Gattungen Coprococcus und Dialister, auch nachdem die Wirkung von Antidepressiva herausgerechnet war. In unabhängigen Daten von 1.070 weiteren Menschen bestätigte sich das. Ob solche Unterschiede Ursache oder Folge einer Depression sind, kann eine Beobachtungsstudie nicht zeigen.

VertiefenStress: Was dein Körper im Alarmmodus macht

Fünf Aussagen aus der Folge geprüft

„70 Prozent deiner Immunzellen sitzen im Darm.“

Nein, rund 3 Prozent. Die Folge korrigiert das selbst: Die 70 Prozent betreffen die Plasmazellen, die Antikörper bilden.

„Fehlen Ballaststoffe, fressen Bakterien die Schleimschicht.“

Gezeigt an Mäusen mit einer menschlichen Modell-Darmflora. Dass es beim Menschen genauso abläuft, belegt die Studie nicht.

„90 Prozent des Serotonins entstehen im Darm, erreichen aber nie das Gehirn.“

Stimmt. Gebildet wird es von Zellen der Darmwand, und es überwindet die Blut-Hirn-Schranke nicht.

„Über 30 Pflanzensorten pro Woche bringen mehr als jedes Pulver.“

Teilweise belegt. In der Bürgerstudie American Gut hing die Zahl der verschiedenen Pflanzenarten mit der Vielfalt der Darmflora zusammen, stärker als Kategorien wie vegan oder Allesesser. Die Angaben zur Ernährung waren selbst berichtet, und einen Vergleich mit Pulvern gab es nicht.

„Nach einem Tag trägt die neue Wohnung die Bakterien der Familie.“

Im Kern ja: Bei drei umziehenden Familien glich die Mikrobengemeinschaft der neuen Wohnung schnell der alten, die Bakterien in Wohnungen stammten überwiegend von den Bewohnern. Eine Frist von 24 Stunden nennt die Studie nicht.

Was das im Alltag heißt

Die Stadt im Darm lässt sich nicht gezielt umbauen, aber gut versorgen. Die Beispiele sind Orientierung, kein Behandlungsplan.

Was der WG hilft

Vielfalt

Viele verschiedene Pflanzen über die Woche: Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Nüsse und Samen. In der American-Gut-Studie hing die Zahl der Pflanzenarten mit der Vielfalt der Darmflora zusammen.

Ballaststoffe langsam steigern

Die DGE empfiehlt Erwachsenen mindestens 30 Gramm am Tag. Wer bisher wenig isst, steigert besser langsam, denn zu schnell mehr Ballaststoffe können Gase, Blähungen und Krämpfe auslösen.

Regelmäßigkeit

Auch die Darmflora hat einen Tagesrhythmus, der sich nach den Essenszeiten richtet. Bei Mäusen und Menschen brachte ein Jetlag diesen Rhythmus durcheinander.

Anhaltende Verdauungsbeschwerden gehören ärztlich abgeklärt, Blut im Stuhl sofort. Und wer mit Niedergeschlagenheit oder einer Depression kämpft, findet Hilfe in ärztlicher oder psychotherapeutischer Behandlung; die Darmflora ist dafür kein Ersatz.

Quellen & redaktioneller Stand

Vividenz verlinkt die Grundlagen direkt. Die Auswahl priorisiert öffentliche Fachinstitutionen, Übersichtsarbeiten und die Studien, auf die sich die Folge stützt. Alle Links wurden am 24. September 2026 geprüft.

Sender, Fuchs & Milo · Revised estimates for the number of human and bacteria cells in the bodyRund 38 Billionen Bakterien, die meisten im Dickdarm, zusammen etwa 200 Gramm.Brüssow · Problems with the concept of gut microbiota dysbiosisWarum der Begriff Dysbiose umstritten ist und viele Studien zu klein sind.Fu et al. · Nondigestible carbohydrates, butyrate, and butyrate-producing bacteriaButyrat als wichtige Energiequelle der Darmwandzellen und Stütze der Darmbarriere.Blaak et al. · Short chain fatty acids in human gut and metabolic healthAcetat, Propionat und Butyrat aus unverdaulichen Kohlenhydraten.Salvi & Cowles · Butyrate and the intestinal epitheliumWie Butyrat an der Regulation von Entzündungen in der Darmwand mitwirkt.Desai et al. · A dietary fiber-deprived gut microbiota degrades the colonic mucus barrierMäuse mit menschlicher Modell-Darmflora: ohne Ballaststoffe wird die Schleimschicht abgebaut.Johansson et al. · The gastrointestinal mucus system in health and diseaseDie zwei Schleimschichten des Dickdarms.Camilleri · Leaky gut: mechanisms, measurement and clinical implications in humansWas die Durchlässigkeit der Darmwand erhöht und was sie für Krankheiten bedeutet.Camilleri · What is the leaky gut? Clinical considerations in humansWarum der Nutzen einer Behandlung der Durchlässigkeit unbewiesen ist.Sender et al. · The total mass, number, and distribution of immune cells in the human bodyEtwa 3 Prozent der Immunzellen im Darm, aber rund 70 Prozent der Plasmazellen.Kennedy et al. · Questioning the fetal microbiomeWarum Mikrobensignale beim Ungeborenen wahrscheinlich Verunreinigungen sind.Sprockett et al. · Role of priority effects in the early-life assembly of the gut microbiotaWer zuerst ankommt: Prioritätseffekte bei der Besiedlung im Kindesalter.Plaza-Díaz et al. · Human milk oligosaccharides and immune system developmentMilcholigosaccharide als drittgrößter fester Bestandteil der Muttermilch.Zivkovic et al. · Human milk glycobiome and its impact on the infant gastrointestinal microbiotaZucker in der Muttermilch, die das Baby nicht verdaut und die den Darmbakterien dienen.Bode · Human milk oligosaccharides: every baby needs a sugar mamaMilcholigosaccharide als Nahrung für erwünschte Bakterien wie Bifidobakterien.David et al. · Diet rapidly and reproducibly alters the human gut microbiomeWie schnell die Darmflora auf eine veränderte Ernährung reagiert.Breit et al. · Vagus nerve as modulator of the brain-gut axis80 bis 90 Prozent der Vagusfasern leiten vom Darm zum Gehirn.Yano et al. · Indigenous bacteria from the gut microbiota regulate host serotonin biosynthesisSerotonin aus der Darmwand und wie Bakterien seine Bildung anregen.El-Merahbi et al. · The roles of peripheral serotonin in metabolic homeostasisSerotonin überwindet die Blut-Hirn-Schranke nicht.Valles-Colomer et al. · The neuroactive potential of the human gut microbiota in quality of life and depressionDarmflora und Depression bei über 1.000 Menschen, bestätigt in weiteren Daten.McDonald et al. · American Gut: an open platform for citizen science microbiome researchPflanzenvielfalt und Vielfalt der Darmflora bei über 10.000 Teilnehmenden.Thaiss et al. · Transkingdom control of microbiota diurnal oscillationsDer Tagesrhythmus der Darmflora bei Mäusen und Menschen.Lax et al. · Longitudinal analysis of microbial interaction between humans and the indoor environmentSieben Familien und ihre Wohnungen, drei davon beim Umzug.DGE · BallaststoffeRichtwert von mindestens 30 Gramm Ballaststoffen am Tag.MedlinePlus · Dietary fiberBallaststoffe langsam steigern, um Gase, Blähungen und Krämpfe zu vermeiden.MedlinePlus · Black or tarry stoolsWann Blut oder Farbveränderungen im Stuhl rasch abgeklärt werden sollten.